Meister Erics Punktlandung

Meister Erics Punktlandung

Nur ein einziges Mal zweifelte Eric Frenzel an seiner eigenen Wahrnehmung. Nur dieses eine Mal, als er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Das war in der Zielkurve in der olympischen Arena von Pyeongchang, als der Sachse sich kurz umschaute, weil er den Atem der Konkurrenz nicht mehr hören konnte. Frenzel blickte ins Leere. Der Kopf des Oberwiesenthalers flog zurück, war jetzt wieder Teil der Gesamtbewegung, die sich orientierte an den Doppelstock-Stakkatos, mit dem der Deutsche kurz vor der Ziellinie den Schnee malträtierte. Aber Doppelstockschub für Doppelstockschub setzte sich die Erkenntnis fest: Es könnte möglicherweise reichen…, es könnte…, es kann …! Es reicht!
Und noch auf der Zielgeraden fiel die Anspannung von Eric Frenzel ab, wich der Erleichterung und der Freude. Die Arme zum Himmel gereckt hatte man den Eindruck, der Champion halte kurz inne. Dann aber schrie der Olympiasieger seine Freude heraus, jubelte Richtung Tribüne. Der angedeutete Telemark auf der Ziellinie hingegen war da nur ein Automatismus, trainiert bei unzähligen Erfolgen in vielen Wintern.

Familie und Freunde aus dem Häuschen

Daheim – und das ist bei Frenzel in Sachsen und in Bayern, ließen sie es krachen. Der Radiosender Bayern1 hatte sich extra nach Flossenbürg auf den Weg gemacht und führte dem Champion tags darauf die Freudenschreie der Familie via Live-Schaltung vor. Aber Ehefrau Laura und der erstgeborene Philipp hatten es sich nicht nehmen lassen, den Olympiasieg des Familienvaters direkt vor Ort mitzuverfolgen.
Eric Frenzel ist Olympiasieger. Das klingt nicht nach einer Sensation, weil vor vier Jahren diese Schlagzeile schon einmal eine oft gewählte Überschrift war. Das ist auch keine, weil die Worte Frenzel und Nordische Kombination inzwischen fast eine Symbiose eingegangen zu sein scheinen. Olympiasieger, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger – es gibt nichts, was der Ausnahmeathlet vom Fichtelberg nicht schon erreicht hätte. Und dennoch war der Sieg in Pyeongchang ein besonderer, möglicherweise der wertvollste in der Karriere des Eric F.

Gold auf der Basis von Erfahrungswerten

Um die Besonderheit zu verstehen, die sich um die koreanische Goldmedaille ranken, muss man ein reichliches Jahr zurückschauen. Vor Beginn der WM-Saison hatte sich Frenzel mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die Schwerpunkte des Winters zu setzen seien. Schließlich wartete in Lahti die WM als Höhepunkt. Andererseits war der schmächtige Mann, vor dieser Saison schon vier Mal am Stück Gesamtweltcupsieger geworden – mit der fünften großen Kristallkugel würde ein Denkmal stehen.
Der Champion entschied sich für den Gesamt-Weltcup, stand bei der WM im Schatten des überragenden Teamkollegen Johannes Rydzek, und gewann die Gesamtwertung tatsächlich zum fünften Mal am Stück.
Zweiter Blick in den Rückspiegel: Vor einem Jahr gab es im Olympiaort Testwettbewerbe. Das DSV-Team um Frenzel und Rydzek dominierte die Saison, die beiden Protagonisten fochten ritterlich um das Gelbe Trikot. Rydzek gewann gegen einen zugegebenermaßen von einem grippalen Infekt geschwächten Frenzel zweimal im Sprint.
Rückblende 3: Vor der Olympiasaison hatten die erfolgsverwöhnten Kombinierer das Training noch einmal umgestellt, mehr Wert auf Ausdauer gelegt, weniger Sprünge absolviert. Das alles wurde dem Ziel untergeordnet, bei den Olympischen Spielen auf den Punkt fit zu sein. In der Folge – und auch der Tatsache geschuldet, dass auch andere Länder nach den deprimierenden Ergebnissen der letzten Jahre Veränderungen an der Vorbereitung vorgenommen hatten – verlief die Saison aus Sicht der Schützlinge von Hermann Weinbuch nicht so erfolgreich, wie man das aus den Wintern zuvor kannte. Rießle, Rydzek und Frenzel siegten eben nicht mehr nach Belieben. Aber nervös wurden sie zunächst nicht. Erst als im Trainingslager kurz nach dem Jahreswechsel eine Magen-Darm-Grippe das regelmäßige Üben nahezu unmöglich machte, schlich sich eine gewisse Unsicherheit ein. Und als dann in Seefeld (noch) nicht viel so funktionierte, wie man das beabsichtigt hatte, war die Stimmung schon etwas angespannter. Aber die Deutschen fanden beim abschließenden Olympia-Vorbereitungscamp im heimischen Oberstdorf wieder in die Spur. Die für Eric Frenzel sogar wieder zur Goldspur wurde.

Vom Kombinierer zum Goldhamster?

Zweimal noch werden die Nordischen Kombinierer im Zeichen der Ringe an den Start gehen. Und so wie Frenzel aus den Erfahrungen des letzten Winters in Bezug auf seinen Formaufbau gelernt hat, so wird er auch aus den Erfahrungen von Sotschi seine Lehren gezogen haben. Damals nämlich hatte sich der Champion einen grippalen Infekt eingefangen. Das soll in diesem Winter nicht wieder passieren. Dann könnte die Punktlandung zum Triumphzug werden.

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