Ski Alpin: Elixir fürs Team

Die Zwischenbilanz der Alpinen kann sich sehen lassen. Thomas Dreßen und Viktoria Rebensburg haben mit ihren Siegen für die ersten Höhepunkt aus deutscher Sicht gesorgt. Der gute Auftakt nährt die Hoffnung auf eine erfolgreiche Weltcup-Saison. 

 

Der Weihnachtsurlaub begann für Thomas Dreßen ein paar Stunden früher. Eigentlich ganz angenehm, aber der deutsche Skirennläufer wäre doch lieber so lange in Süditirol geblieben. Denn Dreßen hatte sich einiges vorgenommen für die Weltcup-Abfahrt in Gröden, die schließlich wegen Schneefall und Regen abgesagt werden musste und nun in Bormio nachgeholt wird. Dass er sich wohl fühlt auf der Saslong hatte er einen Tag zuvor gezeigt. 

„Völlig aus der Norm“ 

Der dritte Platz beim Super-G in Gröden kam ähnlich überraschend wie der Abfahrtssieg in Lake Louise drei Wochen zuvor, der ihm auf den Tag genau ein Jahr nach seinem schweren Sturz in Beaver Creek gelungen war. Damals, Ende November 2018, hatte sich Dreßen eine komplexe Knieverletzung mit Kreuzbandriss sowie eine Schulterblessur zugezogen. Dass er zurückkehren würde in den Kreis der Sieganwärter, war klar, als er im Sommer wieder ins Training einsteigen konnte, aber wohl niemand rechnete damit, dass dies schnell gehen würde.  Als „völlig aus der Norm“ bezeichnete Alpinchef Wolfgang Maier den Erfolg beim Comeback-Rennen deshalb.

Sieg für die Geschichtsbücher

Aber Dreßen ist eben ein ganz außergewöhnlicher Athlet, „ein herausragender Abfahrer der Historie“, findet Maier. Damit steht er schon mit 26 Jahren über den bisherigen deutschen Weltklasse-Athleten in der schnellsten Disziplin wie Sepp Ferstl oder Markus Wasmeier, von denen es keiner auf drei Weltcup-Siege in der Abfahrt gebracht hatte. „Er hat das Gen, dass er auf den Punkt liefern kann“, lobt Andy Evers. Der Österreicher ist seit diesem Winter Trainer der deutschen Speedfahrer und hat in seiner Karriere schon mit Olympiasiegern und Weltmeistern wie Hermann Maier, Bode Miller oder Beat Feuz gearbeitet. Er weiß, was einen Champion ausmacht. Der Unterschied, sagte er, „ist in der oberen Stube“, im Kopf. Evers sieht Dreßen auf dem Weg zu den ganz Großen, wenngleich man Erfolge wie den in Lake Louise nicht jede Woche erwarten könne in der Comeback-Saison, sagte der Coach. Dreßen kann nach wie vor nicht den vollen Trainingsumfang absolvieren. Nach der Ankunft in Südtirol schwoll das lädierte Knie an, nichts besorgniserregend, so der Abfahrer. Es seien eben solche Tage, „von denen der Arzt immer gesagt hat, dass die mal sein können.“

Mental stark

Zu seinen Stärken gehört, dass er Probleme ausblenden kann, seine Fähigkeiten sehr gut einzuschätzen weiß. Im  kurvigen oberen Teil des Super-G reizte er „ganz bewusst“ das Limit nicht aus. „Ich weiß, dass ich im Moment noch nicht in der Lage bin, vom ersten Tor an voll zu attackieren“. Er nahm Rückstand in Kauf, wusste aber, dass die untere abfahrtsähnliche Passage für ihn wie maßgeschneidert ist. Dreßen hat sich deshalb vorgenommen, dort „durchzuknüppeln“ in der Hocke. „Ich habe mir gedacht, ich habe ja nichts zu verlieren.“ Nur etwas zu gewinnen.

Starker Saison-Auftakt für Viktoria Rebensburg

Für den anderen Höhepunkt bei den vorweihnachtlichen Rennen sorgte Viktoria Rebensburg mit ihrem Sieg im Super-G, der ihr eine Woche nach Dreßen auf gleicher Piste in Lake Louise gelang. Die deutschen bei der Nordamerika-Tournee des Weltcups waren für Alpinchef Wolfgang Maier „so etwas wie Elixir für das Team. Das sorgt für Motivation.“

In drei Disziplinen Weltspitze

Der Triumph von Rebensburg kam allerdings nicht so überraschend wie der ihres Kollegen Dreßen. Immerhin hatte sie bereits den Super-G beim Weltcup-Finale im vergangenen März in Soldeu gewonnen. Cheftrainer Jürgen Graller findet ohnehin, die zweitschnellste Disziplin sei die ideale für die 30 Jahre alte Kreutherin, die bisher insgesamt vier Super-G-Rennen in ihrer Weltcup-Karriere gewonnen hat.  „Ich habe selten eine Athletin gesehen, die so perfekte Voraussetzungen dafür mitbringt wie die Vicky“, sagte der Österreicher bereits in der vergangenen Saison. „Wenn sie im Kopf soweit ist, sehe ich im Super-G nicht so viele, die ihr den Platz an der Sonne streitig machen können“, sagt Graller. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, aus einer der besten Riesenslalomfahrerin der Welt die beste Super-G-Athletin zu machen. Grundsätzlich hätte Rebensburg auch nichts dagegen –  solange das Training für den Riesenslalom darunter nicht leidet. Ihr Herz hängt schon noch ein bisschen mehr an jener Disziplin, in der sie 2010 Olympiasiegerin wurde und dreimal die Kristallkugel für die Saisonbeste gewann.

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