Heute kämpfen unsere Langläuferinnen und Langläufer im Sprint um olympisches Edelmetall.
Bevor es ernst wird, polieren wir euer Olympiawissen kurz auf. Willkommen in der Olympia-Zeitkapsel: Hier holen wir jeden Tag – passend zu den anstehenden Medaillenentscheidungen – einen legendären Moment der olympischen Geschichte hervor. Genau richtig, um das kleine Extra an Olympia-Nerdwissen mitzunehmen und perfekt in den Wettkampftag zu starten.
Jahrelang galt Claudia Künzel als Athletin mit großem Potential, allerdings wusste man nie ganz genau ob und wann sie dieses ausreizen würde. Die Sächsin erzielte tolle Resultate im Nachwuchs, das machte Hoffnung auf mehr. Der Wechsel zu den Erwachsenen – ohnehin die wohl schwierigste Phase in einem Sportlerleben, der verlief zunächst durchwachsen. Weil Künzel als eher unberechenbar galt, als „Künstlerin“ in der Loipe. Dass mit der Künstlerin Künzel ist übrigens nicht nur im übertragenen Sinne zu sehen, die gebürtige Zschopauerin probierte sich nämlich ziemlich erfolgreich als Malerin aus.
Die große Liebe aber, das blieb der Skilanglauf. Und diese Liebe wurde erwidert, wenn auch nicht gleich. Denn erst drei Jahre nach ihrem Debüt im Weltcup reichte es zum ersten Podestplatz, das war unmittelbar vor der Nordischen Ski-WM in Lahti. Die Wettbewerbe in Finnland verliefen zufriedenstellend, in der Staffel schrammte man als Vierte nur knapp am Podest vorbei. Eigentlich Motivation für mehr, doch in der Olympiasaison lief es zunächst gar nicht, Künzel schaffte mit Mühe und Not die Olympiaquali. Und auch die Distanzwettbewerbe in Salt Lake City brachten keine große Besserung. Umso überraschender war da der Einzug in den Endlauf des Sprint-Wettbewerbes. Der endete – wie schon die Staffel vier Jahre zuvor – mit dem undankbaren 4. Platz. Doch die große Stunde sollte noch schlagen. Weil Russlands Staffel unmittelbar vor dem Olympiarennen wegen Dopings gesperrt worden war, rückte das DSV-Team in den Kreis der Medaillenanwärter auf. Auch weil mit Künzel und Evi Sachenbacher die zwei Top-Läuferinnen aus dem Sprintwettkampf dabei waren. Und das Deutsche Quartett nutzte seine Chance, lief zum Sieg. Es war das erste Gold für eine deutsche Staffel nach 22 Jahren.
Die Goldmedaille wirkte wie eine Initialzündung. Plötzlich lief es auch im Weltcup. Bei der WM in Val die Fiemme folgten Silber im Sprint und wieder Gold mit der Staffel. Künzel, an Position drei laufend, sorgte dabei für die entscheidende Attacke, Schlussläuferin Evi Sachenbacher brachte den Vorsprung ins Ziel. Und etablierte sich anschließend mehr und mehr auch als Kandidatin für Podestplätze über längere Distanzen, legte den Titel der Sprintspezialisten langsam und allmählich ab. Vielleicht aber lag das auch daran, dass aus Fräulein Künzel im Sommer 2005 Frau Nystad wurde, sie also unter neuem Namen auftrat. Da hatte „Clautsch“, so der Spitzname der Sächsin, die Enttäuschung von Oberstdorf schon hinter sich. Bei der Heim-WM sprang nämlich nichts Zählbares heraus, eine Krankheit kurz vor den Titelkämpfen hatten für die entscheidende Formdelle gesorgt. Aber Künzel wäre nicht Künzel, oder eben Nystad, wenn diese Niederlage nicht Antrieb zu neuen Anstrengungen gewesen wäre. Die Mühe sollte sich auszahlen. Denn bei den Olympischen Spielen in Turin reichte es gleich 2x zum Sprung aufs Treppchen. Mit der Staffel und im Sprint. Und beide Wettkämpfe liefen für die Deutsche nach gleichem Muster ab. Die Techniker hatten ganze Arbeit geleistet, das Material war brilliant. Aber weil die Streckenführung mit einem unglaublich langen und steilen Anstieg vor der Einfahrt ins Stadion der eher nicht überbordend muskulösen, dafür aber technisch perfekten Läuferin nicht entgegenkam, verlor die 28jährige auf diesem Streckenabschnitt Meter und Sekunden. Vorentscheidend? Mitnichten. Denn Nystad glitt wie auf Schienen die Abfahrt ins Stadion hinunter, hatte in der Staffel von Platz 4 auf dem Berg noch Rang 2 und damit Olympiasilber in der Staffel gesichert. Wie ein paar Tage später im Sprint. Auch da sah es auf der Strecke nicht danach aus, als sollte es zu Edelmetall reichen. Doch in der letzten Kurve vor der Zielgerade war Claudia an der Konkurrenz wieder dran und ihr Schlussspurt war nahezu unwiderstehlich. Der Vorsprung der Kanadierin Chandra Crawford war zu groß, der Rest der Konkurrenz jedoch musste sich der elegant und pfeilschnell dahingleitenden Dame aus dem Erzgebirge geschlagen geben. Für Nystad eine Sternstunde, der noch weitere folgen sollten, herausragend dabei Olympiagold im Teamsprint mit Evi Sachenbacher-Stehle vier Jahre später in Vancouver. Danach sollte Schluss sein. Was folgte, war ein Comeback. Nystad, inzwischen 35, schnallte noch einmal an, trainierte – wissenschaftlich unterstützt und vom Ehrgeiz getrieben, die erfolgreichste deutsche Langläuferin zu werden – und schaffte tatsächlich das Kunststück, mit der Staffel noch einmal Bronze zu ergattern. Das war bei den Spielen in Sotschi. Danach war endgültig Schluss, die Ski-Künstlerin hörte endgültig auf. Medaillen bei vier Olympischen Spielen bleiben eine für eine deutsche Skilangläuferin bisher einmalige Bilanz. Die wertvollsten Titel für Claudia Nystad, die ihren Lebensmittelpunkt inzwischen nach Ramsau in Österreich verlegt hat, das waren sicher die beiden Olympiasiege, der eleganteste aber ganz gewiss die Sprint-Silbermedaille von Turin.
Wie schätzt du die Chancen der deutschen Athleten im heutigen Sprint ein? Sag uns deine Meinung! Schreibe einen Kommentar in die SkiD Familie:
Bleibt dran, neugierig und up-to-date! #SkiDeutschland